
Erich Hackl zu Gast in der Ausseer HAK
Erich Hackl, einer der renommiertesten und meistgelesenen österreichischen Autoren, war am 23. und 24. April zu Gast beim Vorbereitungskurs für die Berufsreifeprüfung und in der Ausseer Handelakademie. In zwei Dialogveranstaltungen erklärte der Schriftsteller seine Arbeitsweise, erzählte von seinem Weg in die Literatur und deutete selbst seine Werke.
Am 23. April um 18:00 Uhr war Erich Hackl auf Einladung des Unterrichtenden, Dr. Erwin Kummer, Gast beim Vorbereitungslehrgang für die Berufsreifeprüfung, Modul Deutsch. Berufstätigen, Absolventen von mittleren berufsbildenden Schulen oder einer Lehre ist es durch diese Reifeprüfung möglich, in etwas über zwei Jahren die Matura nachzumachen. Zweimal in der Woche müssen sie am Abend die Schulbank drücken. Die Deutschmatura ist schriftlich abzulegen, und auf eine Auseinandersetzung mit Werken der österreichischen Literatur legt der Vortragende besonderen Wert. Also war diese Dialogveranstaltung eine Vorbereitung für die Matura.
Die Schüler hatten zwei Bücher von Erich Hackl gelesen, „Abschied von Sidonie“ und „Auroras Anlaß“. Im ersteren geht es um ein Zigeunermädchen, das von einer Familie aus der Gegend von Steyer in den zwanziger Jahren in Pflege genommen, von den Nazis nach dem Anschluss dann der Pflegefamilie weggenommen und in Auschwitz umgebracht wurde. Auch „Auroras Anlaß“ basiert auf einem authentischen Fall: Im Spanien der dreißiger Jahre hat eine Mutter ihre Tochter auf deren eigenen Wunsch hin erschossen, da sie sich nicht zu dem erträumten Idealbild der neuen, freien und unabhängigen Frau hin entwickelt hat und die Tochter auch selbst mit ihrem Versagen nicht fertig geworden ist.
Hackl erklärte seine Herangehensweise beim Schreiben dieser fast dokumentarischen Bücher. Er rede mit allen erreichbaren Zeitgenossen, studiere die verfügbaren Quellen und forme sich dadurch ein Bild der künftigen Figuren seiner Romane und Erzählungen. Nach dieser Phase des Recherchierens beginne erst die eigentliche schriftstellerische Arbeit. Er müsse eine dem Stoff entsprechende Form und Sprache finden - die Kühle und Distanziertheit seines Erzähltons begründete er damit, dass er den Leser selbst zu einem Urteil herausfordern und nicht durch eine Emotionalisierung dieses vorwegnehmen wolle. Zum Stoff seiner Geschichten komme er durch Hinweise von Freunden oder, im Falle von „Auroras Anlaß“, durch Bücher anderer Autoren und Journalisten.
Am 24. April fanden sich trotz Schülerstreiks ca. 50 Zuhörer aus der 4. und 5. HAK zur Dialogveranstaltung mit Erich Hackl ein. Eifrig stellten die Schüler Fragen zur Arbeitsweise dieses Schriftstellers, zu seinem Werdegang und Leben als Freischaffender. Erich Hackl erzählte, der habe Spanisch studiert und sogar ein paar Jahre als Lehrer gearbeitet. Doch hätte er nicht zwei den Menschen vollkommen fordernde Jobs (Lehrer und Schriftsteller) auf die Dauer miteiander verbinden können. So habe er sich für den Beruf des freien Schriftstellers entschieden. Nun lebe er jedes Jahr ein paar Monate in Madrid und die restliche Zeit in Wien. Er habe eine besondere Verbundenheit mit der lateinamerikanischen und spanischen Kultur, deshalb handelten mehrere seiner Bücher in Spanien und Lateinamerika.
Doch auch an diesem Vormittag waren die oben genannten beiden Bücher die Hauptthemen. Erich Hackl ging auf alle Fragen der Schüler ein und erzählte lebhaft und mit Engagement. So haben die Schüler der Handelsakademie an diesem Vormittag
mehr über Literatur gelernt als bei einer bloßen Begegnung mit den Texten.
